Einleitung
Zu jener Zeit vor seiner Erschaffung war der Mensch nichts. Sein Anfang war gewiss sehr einfach. Dann zeigte Allah ihm den Weg und gab ihm die freie Entscheidung. Diejenigen, die Gutes tun, werden belohnt. Die Ungläubigen werden bestraft; deshalb sei geduldig und preise Allah zu allen Zeiten.

Gab es nicht für den Menschen eine Zeit, da er nichts Nennenswertes war? (76:1)
76:1-3 – Der Mensch, nach dem diese Sura genannt ist, ist hier als eine Gattung unter den vielen Arten in der Schöpfung zu verstehen. Der Ursprung dieses Wesens ist eine Mischung aus der männlichen und der weiblichen Zelle (vgl. oben 75:33-40 und die Anmerkung dazu). Der Mensch hat zwar keinen beachtenswerten Ursprung, ihm aber ist die Gabe höherer Fähigkeiten verliehen worden, so dass er hören und sehen kann. Mit diesen beiden Vermögen steigt sein Wert und er kann die Schöpfung des Erhabenen sehen, Sein Wort hören und mit dem ihm verliehen Geist verstehen. Auf Grund dieser drei Komponenten wird der Mensch zur Verantwortung und Rechenschaft für seine Taten gezogen (vgl. dazu 2:30; 86:6-8). Der hier verwendete Begriff der Verantwortung darf nicht auf das Tier angewandt werden, weil bei dieser Gattung der Geist fehlt, auch dann, wenn bei ihr Augen und Ohren vorhanden sind (vgl. 2:30-31; 16:3-4; 75:33-40; 90:10 und die Anmerkung dazu).

Wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus einer Ergussmischung, auf dass Wir ihn prüfen möchten; dann machten Wir ihn hörend und sehend. (76:2)
Siehe 76:1

Wir haben ihm den rechten Weg gezeigt, mochte er nun dankbar oder undankbar sein. (76:3)
Siehe 76:1

Wahrlich, Wir haben für die Ungläubigen Ketten, eiserne Nackenfesseln und einen Feuerbrand bereitet. (76:4)
76:4-6 – Hier wird kurz und zusammenfassend erwähnt, welche peinliche Strafe die Ungerechten erwarten. An ihren Füßen liegen schwere Ketten und an ihren Händen enge harte Fesseln, und so werden sie in die Feuerglut gestürzt.

Die Rechtschaffenen aber trinken aus einem Becher, dem Kampfer beigemischt ist. (76:5)
Siehe 76:4

(Er wird gespeist aus) einer Quelle, von der die Diener Allahs trinken, und die sie in reichlichem Maße hervorsprudeln lassen. (76:6)
Siehe 76:4

Sie vollbringen das Gelübde, und sie fürchten einen Tag, dessen Unheil sich weithin ausbreitet. (76:7)
76:7 – Unser Prophet (a.s.s.) hat ausdrücklich von Gelöbnissen abgeraten, die mit sinnloser Leistung verbunden sind oder beinhalten, dass jemand seinen gesamten Besitz den Katzen gibt und seine Angehörigen hungern lässt. Die Rechtsgelehrten empfehlen, dass die Erben verpflichtet sind, die Gelöbnisse ihres Verstorbenen zu erfüllen, soweit dies möglich und sinnvoll ist. (vgl. dazu 5:1; 7:172; 22:29; 56:18-19; 82:25-28).

Und sie geben Speise – und mag sie ihnen (auch) noch so lieb sein – dem Armen, der Waise und dem Gefangenen (76:8)
76:8 – Obwohl die Spender selbst ihre gespendete Nahrung lieben und brauchen, unterstützen sie andere damit. Mit den “Gefangenen” sind sowohl die Kriegsgefangenen als auch die Sklaven gemeint, die aus den Spendengeldern freigekauft werden. Auf dergleichen Ebene werden auch die Schuldner behandelt; denn unser Prophet (a.s.s.) sagte: ”Der Schuldner ist dein Gefangener; verhalte dich daher deinem Gefangenen gegenüber freundlich.“ (ÜB) (vgl. dazu 2:177 und 90:14- 16).

, (indem sie sagen:) ”Wir speisen euch nur um Allahs willen. Wir begehren von euch weder Lohn noch Dank dafür. (76:9)
76:9 – Diese Worte müssen nicht unbedingt ausgesprochen werden. Sie drücken nur die wahren Absichten hinter aufrichtiger Freigebigkeit aus. Dies bezieht sich nicht nur auf die Nahrung, sondern auf Hilfeleistungen aller Art. Man schließt daraus, dass es in Makka unter den Götzendienern keine echte Barmherzigkeit für die Bedürftigen gab. Es waren vielmehr Schauaktionen, welche der Angeberei und der Selbstdarstellung dienten. Die Gläubigen aber halfen den Bedürftigen aus ehrlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne einen Gegenlohn dafür zu verlangen. (ÜB)

Wahrlich, wir fürchten von unserem Herrn einen finsteren, unheilvollen Tag.“ (76:10)
76:10-12 – Der Tag des Jüngsten Gerichts wird nach den qur’anischen Angaben ohne jeden Zweifel ein finsterer und unheilvoller Tag sein. In diesem Versblock handelt es sich um die bekannte Parallelität des Qur’an. D.h., dass jedesmal, wenn Allah (t) von der Belohnung der rechtschaffenen Diener im Paradies spricht (vgl. 38:49-54), berichtet Er von der Bestrafung der Ungläubigen, und zwar aus dem Prinzip der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit zugleich, weil die Botschaft stets diese Eigenschaft hat: Als frohe Botschaft und als Warnung. (vgl. dazu 18:31; 22:23; 75:22-23). Die Fortsetzung geht weiter unten in 76:13 ff.

Darum wird Allah sie vor dem Übel jenes Tages bewahren und ihnen Herzensfreude und Glückseligkeit bescheren. (76:11)
Siehe 76:10

Und Er wird sie für ihre Geduld mit einem Paradies und seidenen (Gewändern) belohnen. (76:12)
Siehe 76:10

Darin lehnen sie auf erhöhten Sitzen, (und) sie werden dort weder Sonnenhitze noch Eiseskälte erleben. (76:13)
76:13-14 – Hier geht die Beschreibung in 76:10-12 weiter (s. oben). Das ewige Leben im Paradies ist im höchsten Maße herrlich und kann nicht mit Worten beschrieben werden; denn seine Bewohner werden das erleben, was sie nie gesehen und wovon sie nie gehört haben. (vgl. dazu 4:57; 18:31).

Und seine Schatten werden tief auf sie herabreichen, und seine gebüschelten Früchte machen sich ganz leicht zu greifen. (76:14)
Siehe 76:13

Und Trinkgefäße aus Silber werden unter ihnen die Runde machen, und Pokale, (durchsichtig) wie Glas (76:15)
76:15-22 – Nach mehr als 1400 Jahren seit dieser Offenbarung erleben wir erstmalig durch die Wissenschaft, dass es schon durchsichtige Metalle auf unserer Erde gibt. Unter der Überschrift “Glasartige Metalle” berichtete die FAZ Nr. 48/97: ”Metallen und Metalllegierungen kann man auch in greifbaren Mengen eine glasartige Form verleihen. Das haben Materialwissenschaftler des Los Alamos National Laboratory in New Mexico kürzlich herausgefunden. Gläser bilden sich, wenn man eine Schmelze schnell abkühlt. Die Bestandteile der Schmelze haben dann keine Zeit, sich in kristalliner Form anzuordnen. Glasartige Metalle sind von Interesse, da sie zäher und korrosionsbeständiger sind als “normale” Metalle. Zudem leiten sie den elektrischen Strom wesentlich besser. Üblicherweise bestehen Metalle aus unregelmäßig orientierten Mikrokristallen. Die “Körner” bilden sich schon in der Schmelze. Ursache sind kleine, unvermeidbare Verunreinigungen. Diese verhinderten bislang, dass Metallgläser – außer in ganz dünnen Filmen – hergestellt werden konnten. Den amerikanischen Forschern ist es gelungen, solche Verunreinigungen mit einem Flussmittel aus der Schmelze herauszuziehen. Das Flussmittel – eine Mischung verschiedener Oxyde – löst sich nicht in der Metallschmelze. Es verfestigt sich, zusammen mit den darin enthaltenen Verunreinigungen, erst bei einer Temperatur, bei der die rasch abgekühlte Metallschmelze schon erstarrt ist. Man kann es dann als eigene Fraktion abtrennen. Bisher haben die Wissenschaftler das Verfahren erfolgreich an Palladium-, Nickel- und Kupferlegierungen getestet. Die ungünstigen Eigenschaften “normaler” Metalle rühren von den Korngrenzen der Mikrokristallite her. Diese Grenzen sind nicht nur bevorzugte Ansatzpunkte für Korrosion, sondern auch “Sollbruchstellen” bei mechanischer Belastung (New Scientist, 5/97, S. 20). Zudem ließe sich, den Schätzungen der Forscher zufolge, alleine in den Vereinigten Staaten eine Milliarde Dollar pro Jahr an Energiekosten einsparen, wenn man Stromkabel aus den leitfähigeren Metallgläsern verwenden würde.“ (vgl. dazu 18:31; 37:45-47; 43:71; 47:15; 52:23; 56:17, 18).

, Gläser aus Silber; und sie werden ihren Umfang selbst bemessen können. (76:16)
Siehe 76:15

Und es wird ihnen dort ein Becher zu trinken gereicht werden, dem Ingwer beigemischt ist. (76:17)
Siehe 76:15

(Er wird gespeist aus) einer Quelle darin, die Salsabil genannt wird. (76:18)
Siehe 76:15

Und es werden sie dort ewig junge Knaben bedienen. Wenn du sie siehst, hältst du sie für verstreute Perlen. (76:19)
Siehe 76:15

Und wohin du dort auch schauen magst, so wirst du ein Wohlleben und ein großes Reich erblicken. (76:20)
Siehe 76:15

Sie werden Gewänder aus feiner, grüner Seide und aus Brokat tragen. Sie werden mit silbernen Spangen geschmückt sein. Und ihr Herr wird sie von einem reinen Trank trinken lassen. (76:21)
Siehe 76:15

”Das ist euer Lohn, und euer Bemühen ist mit Dank angenommen worden.“ (76:22)
Siehe 76:15

Wahrlich, Wir Selbst haben dir den Qur’an als Offenbarung herabgesandt. (76:23)
76:23-24 – Hier wird betont, dass der Qur’an von Allah (t) Selbst ist; er kann keinen anderen Ursprung außer von Ihm haben.

So warte geduldig auf den Befehl deines Herrn und gehorche keinem, der ein Sünder oder ein Ungläubiger unter ihnen ist. (76:24)
Siehe 76:23

Und gedenke des Namens deines Herrn am Morgen und am Abend. (76:25)
76:25-26 – Beim Ausdruck “am Morgen und am Abend” bedeutet “zu allen Zeiten”. Demütige Niederwerfung vor Allah (t) bedeutet eine sichtbare Art und Weise der Hingabe. (vgl. dazu 57:1).

Und wirf dich in einem Teil der Nacht vor Ihm in Anbetung nieder und preise Seine Herrlichkeit einen langen Teil der Nacht hindurch. (76:26)
Siehe 76:25

Wahrlich, diese lieben das Weltliche und vernachlässigen den Tag, der hinterher auf (ihnen) lastet. (76:27)
76:27 – Das Wort “diese” bezieht sich in erster Linie auf die heidnischen Banu Quraisch in Makka und allgemein auf die Ungläubigen zu allen Orten und Zeiten. (vgl. oben 75:20).

Wir haben sie erschaffen und ihrer Beschaffenheit Festigkeit verliehen; und wenn Wir wollen, können Wir andere ihresgleichen an ihre Stelle setzen. (76:28)
76:28-29 – Der Gesandte Allahs (a.s.s.) soll sich nicht dadurch entmutigen lassen, dass zeitweilig die ganze Welt gegen ihn zu sein scheint. Allah (t) kann in einem einzigen Augenblick alles völlig verändern. Entweder können dieselben Menschen, die ihn bekämpft haben, zu seinen eifrigsten Anhängern werden, oder es kann eine neue Generation heranwachsen, die sich bis zur Verwirklichung für die Sache der Wahrheit einsetzt. (ÜB)

Wahrlich, dies ist eine Ermahnung. So möge, wer da will, einen Weg zu seinem Herrn einschlagen. (76:29)
Siehe 76:28

Und ihr könnt nur wollen, wenn Allah will. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allweise. (76:30)
76:30 – Maßgebend für die Schöpfung Allahs ist Sein Wille. Der Mensch ist zwar mit einem freien Willen und einer freien Entscheidung ausgestattet, aber sein Wille kann nur wirksam sein, wenn sein Vorhaben von Allah genehmigt, geduldet, zugelassen oder dies Seinem vorangegangenen Willen entspricht. Wir können die Abhängigkeit von dem Willen Allahs mit folgendem Beispiel veranschaulichen: Eine Familie (Vater, Mutter und Kind) war unterwegs mit dem Auto nach Spanien, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Der Familienvater hat nach seinem freien Willen für alles vorgesorgt. Auf der Strecke durch Frankreich wurde er durch einen Unfall getötet, seine Frau verletzt und das Kind blieb unversehrt. Die Frau musste im Krankenhaus behandelt werden und das Kind wurde von einem Verwandten nach Deutschland zurückgeholt. Diese drei sind nie zu ihrem Ziel gekommen, sondern mussten einzeln andere Wege einschlagen. Es geschah der Wille Allahs, und ihr Wille hatte Gültigkeit nur bis zum Unfallort. (vgl. dazu unten 81:28-29 und die Anmerkung dazu).

Er lässt, wen Er will, in Seine Barmherzigkeit eingehen, und für die Frevler hat Er eine qualvolle Strafe bereitet. (76:31)
76:31 – Mit diesen eindrucksvollen Worten kommen wir zum Ende dieser wunderbaren Sura. Der Wille Allahs ist wiederum für die Aufnahme in Seine Barmherzigkeit maßgebend (vgl. oben 76:30 und die Anmerkung dazu). Er wird von niemandem dazu gezwungen, und dies gilt auch für die Frevler, die von Ihm bestraft werden; denn hier kann niemand sie vor der Strafe retten. Gepriesen sei Er, der Allmächtige Gott.